Tag 11 – Korken, Oliven, Sonnenschein

hallelujah – morgens 7 Uhr, das Kloster erwacht und das allseits bekannte händelsche Hallelujah schallt in aller Ausführlichkeit in meine kalte Zelle, deren fenster fast schon mit Eisblumen verziert sind. Okok, ich steh ja schon auf. Schnelles Frühstück in der Bar um die Ecke (pantomate, geht immer) und ich ziehe mal wieder den Hut vor den „barristas“, was die in Stoßzeiten an Kaffees, Frühstcks, hier zahlen, da Sonderwunsch wegstemmen. Hochachtung. Dann mach ich mich auf meinen einsamen Weg, die ersten paar Kilometer sind relativ monoton, einen Kiesweg entlang, erst durch Dorfausläufer, dann durch struppige Pampa, die mich a weng an namibischen Bush erinnert…. und ich schaffe es natürlich, mich zu verlaufen. 4 Kilometer umsonst. Gps verdusselt, erst als ich die Autobahn höre, check ich’s. Bleibt nur umdrehen und zurücklaufen. Aber dann endlich die Landschaft, warum alle sagten, es wär ein toller Weg (und ich dacht schon, die wären alle ein bisschen ästhetisch verküruzt). Es ist ein super Weg, perfekt wunderschön: offen, weit, grün, Korkeichen, Oliven, Hinkelsteine. Und mein Highlight: die kleinen, süßen un nicht zuletzt leckren Pata Negra Schweinchen. Sind die nicht entzückend?! Hat ich ein Spaß mit diesen grunzenden Schweinchen! Weil ich so bummel, der Weg schön und weit ist (und ich ihn noch 4 km länger gemacht habe), entscheide ich mich in der Kleistadt Aljucen vor Merida, dass ich hier in der Herberge bleibe. Die Sonne scheint noch, direkt vor der Kirche ist ne nette Bar, da hängen schon ein paar Pilger rum… Da bin ich dabei… ! ich starte durch in einen 100%-Pilger Tag. Sehr nette Herberge, ich habe Glück und bekomme ein unteres Bett im Vier-Bett-Zimmer. Quasi ein Pilger-Jackpot. Wir plaudern bei Bier und Wein im sonnigen Innenhof und gehen abends auch noch tutti (ca. 10 – 15) zusammen essen. Das 3-gängige Pilgermenü für 7,50, inkl. Getränk, nicht wahnsinnig gut, aber schon ok. (als manche sagen, die via de la plata wäre ein teurer Pilgerweg, werde ich doch ein bisschen nervös).
Eine kurzer Einblick in die Pilgerrunde gewünscht? Eine Münsteranin, mit zwei erwachsenen Kindern, die seit 1.3. im Sabatical ist, und die ganze Zeit voller Freude strahlt, Benito, der schon 66 ist, den ich auf 45 geschätzt hätte und der seit Anfang des Jahres von seinem Entwicklungshilfe Job in Indien zurück ist, weil eines seiner 6 Kinder ihn und seine Frau jetzt in Deutschland zu Großeltern gemacht hat. Tamsin, eine Schottin, die seit ein paar Jahren immer wieder untwegs ist, in der Gap zwischen Kinder-erwachsen und Eltern-keine-Unterstützung. Sie gibt Shiatsu und reist viel a la Wandergeselle: tausche Behandlung gegen Obdach und Essen. Philippe, Franzos, der lange in Argentinien mit seiner Frau gelebet hat, Ehe vorbei, zurück in la France. Martina, Buchhalterin aus Hamburg, die auch schon mehrfach gelaufen ist, und sich minutiös vorbereitet (für wie viele tage reichen 50 ml Conditioner, Packung mit exakt 50 Brillenputztücher (für jeden tag eins), ich hab sehr gelacht). Sebastian, freier Kameramann aus Köln, der anscheinend das halbe Jahr wanderend verbringt und schon 8tkm auf dem Jakobsweg verbracht hat. Alter Hase. Anderer alter Hase: Dieter, 70 aufwärts, ordentliches Kaliber, käme er nicht aus Darmstadt, hätte ich gewettet, er sei so’n richtiger Bayer. Sehr entspannter Herr. Joe, Amerikanerin, die gerade gestern angefangen hat. Anfang 30 und nur 7 Tage. Domenico, Südtiroler, der leider nichts sprach ausser Italienisch und ein bisschen deutsch. Und noch einiges mehr, und ganz klar: deutscher Überhang. War tatsächlich sehr nett, und ich freu mich trotzdem, dass ich von ihnen allen weg laufe.

3 Antworten auf „Tag 11 – Korken, Oliven, Sonnenschein“

  1. Tolle Fotos. Die Schweinchen in Reih und Glied sprechen für sich. Der Jakobsweg in Gegenrichtung ist auch originell. Auf diese Idee muss man erst kommen. Warte mit Spannung auf den nächsten Bericht.
    Weiterhin viel Spass!
    Karl

  2. da geht einem ja das Herz auf. Idylle pur. Und dann noch die Ferkel. Von den Füssen ist ja keine Rede mehr.
    Deine Einblicke in so manches Pilgerleben ist interessant. Nach dem Motto: Bos mächt de Vodder, bos mache
    de Keeng?
    Schöne Erlebnisse und weiter Pilgerwetter!

  3. Großartig sind sie, diese Ferkelchen. Ebenso deine Erlebnisberichte, liebe Anne. Danke Für fürs Teilen, es bringt jeden Tag Sonnenschein in den kalten nebeligen Alltag.

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